Mitleid, Neid und Hartz IV-Jammer 17. März 2008
Posted by neuesleben in Arbeiten, Leben.trackback
Es gibt ein Thema, was mir in sehr, sehr vielen TV-Sendungen aktuell einfach nur auf die Nerven geht: Jammer um Hartz IV.
Klar, um das gleich vorweg zu sagen: Hartz IV bedeutet gerade für Familien mit Kindern eine sehr große Belastung, insbesondere wenn Vater und/oder Mutter vorher ein recht gutes Einkommen hatten. Es gibt zudem einige Ungerechtigkeiten, z.B. was die Anrechnung des Einkommens von Ehepartnern angeht oder auch die Ratentilgung von Wohneigentum.
Trotzdem habe ich den Eindruck, dass gerade im TV die Hartz IV-Hetze immer dramatischere Züge nimmt. Immer wieder kommen in Reportagen und Dokumentationen Menschen zu Wort, die augenscheinlich ihr Geld nicht richtig einteilen können. Da jammert dann der Familienvater, der vor seinem Flachbild-Fernseher steht, herum, dass sie sich keine hochwertigen Lebensmittel leisten können und sich am Ende des Monats oft von Wasser und Brot ernähren müssen. Wenig später sehen wir dann die Ehefrau in der Küche, wie sie diverse Markenprodukte zu einem Mittagessen verarbeitet, während der 10-jährige Sohn auf einem recht neu aussehenden Notebook herumhackt.
Das soll mich davon überzeugen, dass es den Leuten arm geht?
Sorry, aber das funktioniert nicht: ich habe selbst einen 10 Jahre alten Röhren-Fernseher, kaufe meine Grundlebensmittel beim Discounter ein und habe mir meinen ersten Computer mit Ferienjobs finanziert. Warum sollte ich dann Mitleid mit diesen Leuten haben, die sich mit staatlichen Leistungen nicht mehr leisten können, als ich es mit meinem eigenen Einkommen kann?
In meinem persönlichen Umfeld kenne ich zudem Leute, denen es mit Hartz IV gar nicht so schlecht geht. Natürlich muß man sparen, natürlich sind keine spontanen Urlaubsflüge mehr möglich, aber wenn der Wille und die Überzeugung da sind, etwas an der Situation zu ändern, dann lässt es sich ertragen.
Ich möchte hier gar nicht Sprüche dreschen wie: „Jeder der will, bekommt einen Job“ – das ist unrealistisch und das weiß ich. Aber ich möchte sagen: es gibt zu wenige, die wirklich wollen.
Ein Bekannter von mir ist mit ca. 40 Jahren arbeitslos geworden und hat als Schweißer keinen neuen Job gefunden. da er schon immer Computer als Hobby hatte, hat er sich reingekniet, eine Programmiersprache gelernt und auch LPI-Prüfungen gemacht. Nach etwa einem Jahr hat er seinen ersten Auftrag angenommen und hat daraufhin auch einen Vollzeitjob bekommen. Klar, das ist traumhaft gelaufen und nicht jeder kann es so schaffen, aber es ist ein Beispiel für mich, dass es geht.
Viele scheinen aber einen regelrechten Haß und sicherlich auch Neid auf die Politiker zu entwickeln, die ihnen Hartz IV „eingebrockt“ haben. Diskussionen, die nach Sendungen wie „Anne Will“ entstehen, sind da sehr bezeichnend: viele Kommentare richten sich dabei weniger gegen das gesagte, sondern gegen einzelne Personen. Da wird dann gehetzt und gemeckert, dass ein Politiker einen Dienstwagen hat, während der Hartz IV-ler die Raten für seinen Neuwagen nicht mehr zahlen kann.
Und bevor ich hier noch jede Menge solcher Beispiele und Erzählungen anhänge, will ich auch mal zum Schluß kommen: ich würde mir wünschen, dass bei jeder dieser dramatischen Darstellungen von Hartz IV-Opfern auch jemand zu Wort kommen würde, der einfach sagt: „Ja, ich muss mich mit Hartz IV einschränken, aber wir kommen gut über die Runden“.
Vielleicht sollten Sie selbst einmal von Hartz 4 leben müssen! Meinem Freund, der aus gesundheitlichen Gründen nach Schädelbruch mit Spätfolgen, 4 Operationen in 8 Jahren aufgrund akuten Darmverschlusses, massiven Schlafstörungen (auch ein Schlaflabor brachte keine Besserung) und massiven Rückenbeschwerden (eine Bandscheide ist faktisch nicht mehr vorhanden), bisher noch nicht wieder arbeiten KANN, werden seitens der ARGE selbst hinsichtlich der ärztlich verordneten Vollkost (zur Reduzierung des Risikos einer weiteren Not-OP hinsichtlich des Magen-Darm-Trakts) Steine in den Weg gelegt – die eh schon läppischen knapp € 26,00, die es bei ärztlicher Verordnung von Vollkost eigentlich geben soll, werden ihm verweigert. Leben Sie erstmal von € 345,00 im Monat… mein Freund zahlt davon seinen Internet/Telefonanschluss, eine winzige Privathaftpflichtversicherung und € 50,00 an die Stadtwerke (die ja von der ARGE nicht übernommen werden). Es würden ihm MIT den knapp € 26,00 monatlich gerade mal € 270,00 verbleiben, für Lebensmittel, Waschmittel, Kleidung etc. Angesichts der reichlich steigenden Preise für Lebensmittel kann man davon kaum noch leben, geschweige denn sich auch nur halbwegs gesund ernähren. Haben Sie sich mal die Preise für frisches Gemüse angeschaut? Für Milchprodukte etc.? Wissen Sie, was Säfte kosten, die nicht zu mindestens 50 % aus purem Wasser bestehen? Mein Freund gönnt sich NICHTS – er geht nicht aus, er hat nicht einmal eine halbwegs vernünftige oder auch nur im Ansatz vollständige Wohnungseinrichtung – er schläft auf einer Matratze, ohne Bettrahmen, ohne Lattenrost (ganz besonders toll bei einem solchen Bandscheibenschaden). Und dennoch hat er, wie ich leider erst heute abend erfuhr, seit gestern, drei Tage vor dem nächsten Geldeingang seitens der ARGE, nichts mehr zu essen. Um das Hungergefühl zu bekämpfen, trinkt er den Kaffee mit Kaffeesahne und Zucker, was er vor 3 Tagen von mir bekam!
Natürlich gibt es überall „schwarze Schafe“, die irgendwo schwarz arbeiten, diesen Verdienst bei der ARGE natürlich nicht angeben und dann – und nur durch sowas – in der Lage sind, sich auf eine solche Weise vor Flachbildfernseher etc. zu präsentieren. Dies ist aber nicht die Masse – im Gegenteil!
Ein weiteres Beispiel: Meine beste Freundin erhält Zuschüsse von der ARGE – ebenfalls im Wege von Hartz 4. Sie ist alleinerziehende Mutter eines 14jährigen ADS-kranken Sohns. Der ARGE reichte es nicht, dass sie – im Schichtdienst – auf 400-Euro-Basis in einem Schnellimbiss arbeitet. Ihr wurde ein 1-Euro-Job angedient – wodurch sie logischerweise sehr viel weniger Geld zur Verfügung gehabt hätte und entsprechend die Unterstützung seitens der ARGE höher hätte ausfallen müssen. Sie sprach dann mit ihren Chefs, die sie dann – mit Vermittlungsgutschein seitens der ARGE – in ein Teilzeitarbeitsverhältnis übernahmen. Folge: Die zuständige Sachbearbeiterin – wohlwissend, dass es sich bei dieser Teilzeittätigkeit um wechselnden Schichtdienst handelt, der teils bis abends um 22 Uhr geht – diente ihr an, sich dann doch zusätzlich einen 400-Euro-Job zu suchen. Diese Frau kämpft seit Jahren darum, dass ihr Sohn wenigstens einen Hauptschulabschluss schafft. Bei einem ADS-kranken Kind gehört dazu viel Kontrolle, Zuwendung und Engagement. Und wann sollte sie – immerhin hat sie auch noch einen Haushalt – noch einen 400-Euro-Job machen, angesichts ihres Schichtdienstes? Nachts nach 22 Uhr? Wann soll sie dann noch schlafen? Dieses Kind hat übrigens vor einem Jahr in den Sommerferien einen Ferienjob gehabt und sich damit € 80,00 verdient. Die ARGE teilte meiner Freundin dann mit, es handle sich hierbei um Einkommen „der Bedarfsgemeinschaft“. Sie hatte nicht gewusst, dass ein minderjähriges Kind von 14 Jahren keinerlei „Freibetrag“ hat. Mit der Folge, dass sie nicht nur mehr zurückzahlen muss, als ihr Sohn bei seinem Ferienjob verdient hat, sondern die ARGE ihr nun auch noch – obwohl sie SOFORT mit der ratenweise Rückzahlung der „zuviel erhaltenen Leistungen“ begann, ein Strafverfahren aufgebürdet hat. Dies alles sind KEINE Einzelfälle. Ist Ihnen überhaupt bekannt, dass beabsichtigt ist, die Gerichtskostenfreiheit beim Sozialgericht abzuschaffen? Wissen Sie, dass ein Widerspruch gegen eine eindeutig rechtswidrige Entscheidung einer ARGE keine aufschiebende Wirkung hat? Dies bedeutet, dass ein Hartz 4-Empfänger sich noch nicht einmal wirklich gegen eine rechtswidrige Entscheidung des für ihn zuständigen ARGE-Sachbearbeiters wehren kann. Denn er stände dann vor der Situation, dass ihm bis zur gerichtlichen (rechtskräftigen) Entscheidung die Bezüge zumindest massiv gekürzt würden. Wovon soll derjenige dann noch leben? Es dürfte wohl bekannt sein, dass die Sozialgerichte überlastet sind und Verfahren nach ergangenem Widerspruch sich zumeist über JAHRE hinziehen!
Mir sträuben sich die Haare, wenn ich Ergüsse in der von Ihnen dargebrachten Form lesen muss – der Einzelfall ist eben nicht der tatsächlich Bedürftige, vielmehr sind heutzutage die „schwarzen Schafe“ die Einzelfälle. Selbst der Hausarzt meines Freundes sagte mir heute am Telefon, er habe mittlerweile festgestellt, dass die ARGEN grundsätzlich erstmal alles ablehnen – in der Hoffnung, dass der Bedürftige sich mit dem geltenden Recht nicht auskennt und sich – aus oben dargelegten Gründen – nicht traut, sich gegen eine rechtswidrige Entscheidung zu wehren!
Guten Tag Tina!
Ich arbeite als freier Fernsehjournalist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich interessiere mich für die Probleme ihrer Freundin mit der Arge. Es wäre nett, wenn sie mir Kontakt zu ihrer Freundin verschaffen könnten, damit ich einmal mit ihr über den Fall sprechen kann.
Guten Tag Tina,
ich hatte einen Volltimejob und bin Mutter zweier Kinder. Die Arge hat mich in meinem Job so sehr unter Druck gesetzt, dass ich meinen Job
verlor. Ich bekomme Hartz 4, da der Erzeuger meiner Kinder keinen Unterhalt bezahlt. Dank Arge arbeitslos.
Ihre Freundin tut mir leid und wir sind keine Einzelfälle. Ein Mitarbeiter der Arge sagte mir auf Anfrage: wir ärgern gerne die alleinerziehenden Frauen, da sie greifbarer und verletzbarer sind.
oh ja genau so wie bei mir . ich lebe leider auch von hartz4. ich mutter von 6 kindern darunter 2 erwachsene die nicht mehr bei mir zu hause leben , aber leider ein schwer behinderteskind . die arge hatte auch von mir verlangt arbeiten zugehen obwohl ich ja die Pflege meiner tochter übernommen hatte und dafür von der krankenkasse bezahlt werde somit auch sozialversichert . die pflege ist sehr aufwendig !!! meine tochter geht in die ganztagesschule da meinten sie da kann ich auch noch 15 stunden in der woche noch arbeiten gehen obwohl ich noch dazu zwei kleiner kinder von 5 und 6 jahre habe .wau alles super . soll doch mal der staat einfach dafür sorgen das der unterhalt bezahlt wird , aber da heißt es ja nur da ist nichts zu holen und wenn man von denen hilfe erwartet bekommt man keine ja klasse . armes deutschland
Ich muss ein wenig verbessern. Der Erzeuger hatte zu dem Zeitpunkt, wo ich meinen Kommentar abgegeben habe pro Kind 60 Euro bezahlt. Daher musste ich Hartz 4 beantragen. Mittlerweile zahlt er für nur noch ein Kind den Mindestunterhalt.